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Burnout verhindern

Psychosomatische Gesundheitsstörungen treten immer mehr in den Vordergrund berufsbedingter Krankheiten. Welche "Mechanismen" spielen dabei eine Rolle? Gesundheitsförderndes Arbeitsklima.

von: Hartmut Volk
in: Beilage der SN, Thema: Gesundheit, 13. 12. 2003, S IX

 

Was ist Stress, Belastung, Erschöpfung und schließlich das Burnout-Syndrom? Tatsächliches Geschehen oder Einbildung? Was ist der reale medizinische Kern dieses Quartetts, unter dessen Fuchtel immer mehr arbeitende Menschen zu geraten scheinen? Pointiert ausgedrückt, eine der einzigartigen Leistungen des menschlichen Gehirns! Und zwar seine Fähigkeit, zwischenmenschliche Erlebnisse, also nichtstoffliche Beziehungserfahrungen, in biologische, das heißt in biochemische oder bioelektrische Signale umzuwandeln.  
  Mittlerweile liegen zahlreiche Untersuchungen über positive und negative gesundheitliche Auswirkungen vor, die sich aus fördernden oder belastenden zwischenmenschlichen Beziehungen ergeben. Joachim Bauer, Professor für Psychoneuroimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg, erklärt: "Alle bedeutsamen zwischenmenschlichen Erfahrungen werden von Nervenzell-Netzwerken in der Großhirnrinde (Cortex) und in dem mit ihr verbundenen 'Zentrum für emotionale Intelligenz' (Limbisches System) gespeichert. Aktuelle äußere Situationen werden in der Großhirnrinde zu einem 'inneren Bild' der äußeren Situation komponiert und durch einen permanenten, sozusagen 'online' stattfindenden Abgleich mit bewusst oder unbewusst gespeicherten früheren Erfahrungen aus ähnlichen Situationen bewertet." siehe: UK-Ebenen
 

Hauptzweck dieser fortlaufenden Bewertung ist die Erkennung einer potenziellen äußeren Gefahrenlage. Doch was sieht das Gehirn als "Gefahrenlage" an? Neuere neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass das Gehirn nicht nur vitale, das Leben direkt gefährdende Bedrohungen des Organismus als "Gefahr" einstuft, sondern auch Gefährdungen zwischenmenschlicher Beziehungen, unlösbare Konflikte, drohende Einsamkeit, schwerwiegende Kränkungen oder soziale Ansehensverluste. Als "Gefahrenlage" bewertet das Gehirn jeden drohenden Verlust von Kontrolle und Sicherheit im zwischenmenschlichen Bereich.

Rolle der Stresshormone

Bewertet nun die Großhirnrinde und das mit ihr verbundene 'Zentrum für emotionale Intelligenz' eine aktuelle Situation als zwischenmenschliche Bedrohungslage, geschieht Folgendes: Innerhalb von Sekunden werden über Nervenbahnen zwei Alarmsysteme (Stressgene) aktiviert, die sich unterhalb der Großhirnrinde in zwei tiefer gelegenen Hirnregionen befinden. Daraufhin produziert der Körper unter anderem verschiedene Stresshormone, unter anderem eben Stresshormone wie Cortisol oder Nor-Adrenalin.

Und dieses Cortisol, sagt Bauer, "wirkt einerseits wie eine Art 'Turbo' für den gesamten Stoffwechsel des Körpers, hemmt andererseits aber das Immunsystem und bremst die Erholungsfähigkeit des Körpers. Im Falle von nicht überwindbarem Dauerstress kann dies verschiedene Erkrankungen (zum Beispiel innere Unruhe, eine erhöhte Empfindlichkeit des Magens, Schlafstörungen, auf lange Sicht eine Erhöhung des Risikos, an einer Depression oder einem Tumorleiden zu erkranken) nach sich ziehen."

Ob allerdings eine bestimmte äußere Situation körpereigene Alarmsysteme aktiviert oder nicht, kann jedoch von Person zu Person sehr unterschiedlich sein. Der Grund hierfür liegt in der persönlichen Lebens- oder genauer Erfahrungsgeschichte.

deshalb besonders wichtig: Selbsterkenntnis -
eine Möglichkeit bietet die Phantasiereise mit anschließender Reflexion
 

"Das Gehirn bewertet aktuelle äußere Situationen dadurch", erklärt Bauer, "dass die jeweilige aktuelle Situation mit gespeicherten früheren Erlebnissen und Erfahrungen verglichen wird. Doch diese in Nervenzellnetzwerken des Gehirns gespeicherte Summe früherer Beziehungserfahrungen ist etwas von Mensch zu Mensch höchst Subjektives und damit Unterschieliches."

Diese Zusammenhänge erklären, warum beispielsweise zwei Kollegen die selbe Situation völlig unterschiedlich erleben und auch völlig unterschiedlich darauf reagieren können oder warum es im Vorgesetzten-Mitarbeiter-Verhältnis nicht selten zu jeweilig völlig anders empfundenen Begegnungen kommt.

Doch so bedeutsam die vom Gehirn gespeicherten früheren Erfahrungen eines Menschen für die Bewältigung einer aktuellen Belastungssituation auch sind, alleine sind sie dafür wiederum auch nicht verantwortlich. Das belegen neuere Studien aus dem Bereich der Stressbiologie. Danach kommt eine mindestens ebenso bedeutsame Rolle der gegenwärtigen sozialen Unterstützung zu, die ein Mensch in einer aktuellen Situation durch andere erhält. Zahlreiche Experimente aus der Stressforschung zeigen, dass diese moralisch-seelische Unterstützung in Belastungssituationen eine objektive, messbare Verminderung der Stresshormone zur Folge hat.

Vertrauen schaffen

Bauer: "Bei der Frage der Kollegialität und des Führungsverhaltens geht es für den erfahrenen Arzt und Therapeuten deshalb nicht nur darum, ein für alle Seiten möglichst angenehmes Arbeits- beziehungsweise Betriebsklima zu erzeugen. Kollegialität und Qualität des Führungsverhaltens sind wissenschaftlich gesicherte, medizinisch relevante Gesundheits- und damit positiv wie negativ beeinflussbare Leistungs- und Ergebnisfaktoren. Wer das Bemühen um einen Vertrauen schaffenden Führungsstil als, wie es immer wieder zu hören ist, nicht überzubewertendes 'weiches' Element im Betriebsgeschehen abqualifiziert, muss sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, mit seinen Kenntnissen nicht auf der Höhe der Zeit zu sein!

siehe auch: social support