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Mach Platz, um die Regeln zu brechen
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Warum Visionäre gebraucht werden und warum sie radikal bleiben sollen

Wer Visionen hat, soll zum Chief Creative Officer gehen. Oder, wenn das Unternehmen diesen Job einer kreativen Oberkontrolle nicht vorsieht, dann soll er oder sie ihn selber vorschlagen und einnehmen. Wäre doch ein schöner erster Schritt in die richtige Richtung.
Eine Firma, die alles Betriebswirtschaftliche und Administrative im Griff hat, aber auf einen Überschuss an Denkpotenzial verzichtet, ist wie ein Autofahrer, der zwar seinen Wagen perfekt in Schuss hält, aber nicht weiß, wohin die Reise gehen soll. Umgekehrt wird natürlich auch kein Schuh draus: Wer nur das Ziel vor Augen, aber die Bremsen nicht gewartet hat, bekommt Schwierigkeiten unterwegs. (Diese Variante wird allerdings jetzt, mit dem Abgang der Dotcommer, wieder deutlich seltener.) Wer Visionen hat, soll sie sich nicht zerreden lassen. Das ist der schwierige Teil. Denn kaum hat man eine Idee ausgesprochen, kommen die Einwände. Jeder hat was dazu zu sagen, der von den Finanzen, die von der Planungsabteilung, dieser vom Marketing, jene vom Verkauf. Alle beweisen ihre Kompetenz und die Stichhaltigkeit ihrer Argumente, und die Idee wird nur zur neuesten Variante dessen, was man schon kennt.

Tibor Kalman konnte ein Lied davon singen. Er war ein Visionär par excellence, einer, der vor Ideen nur so überging, der Bilder sammelte wie ein Besessener, im übertragenen wie im Wortsinn: Zu jeder Frage konnte der Art Director und Designer Kalman aus einem riesigen Fundus an Fotos und Illustrationen etwas beisteuern - und sie zu einem neuen Ganzen formen. Das war keine Schwierigkeit für ihn. "Die Schwierigkeit", sagte er einmal, "ist, dass man durch Schichten von Dummköpfen durchmuss, bis man zu dem Menschen gelangt, der wirklich die Entscheidungen trifft. Und wenn man da nicht schnell durchkommt, dann bleibt von deinem Projekt nicht mehr viel übrig." Er beriet Unternehmen, produzierte Gebrauchsgegenstände, gestaltete C.I.-Broschüren und achtete darauf, dass niemand ihn von der Radikalität seines ursprünglichen Konzepts abbrachte. Lieber verzichtete er auf den Auftrag.

Gut, er war nirgendwo angestellt. Aber das löst das Problem der Visionäre auch nicht, ganz im Gegenteil. Man braucht freischaffende Kreative nur danach zu fragen und erfährt sehr schnell, wie oft die Diskrepanz zwischen reinen Vorstellungen und unreiner Wirklichkeit ihnen das Herz bricht und ihr Bankkonto gefährlich schrumpfen lässt. Um so schlimmer für die Wirklichkeit, zitieren dann Puristen einen radikalen Philosophen, doch diesen Standpunkt muss man sich erst einmal leisten können.

Also sollte, wer Visionen hat, doch klein beigeben? Nein. Die Ideen sollen einem nie ausgehen, und stets möge man für sie eintreten. "Love what you have to do", verkündete der Visionär Bruce Mau im jüngsten Vitra-Katalog. Er sagte auch: "Make room to break rules." Und schließlich: "Make new mistakes." Bessere Fehler, meint er, Fehler, die Dinge verändern können.

Wer Visionen hat, lacht zuletzt. (mf)

entnommen aus:

KarrierenStandard,
Der Standard,
30. 6. / 1. 7. 2001