EUROPAS "GAZELLEN": DER KLUB DER SCHNELLSTWACHSENDEN UNTERNEHMEN

In schnell wachsenden Unternehmen haben Hierarchien und Statusdenken ausgedient.
Zu den Hauptmerkmalen von "Gazellen" gehört eine völlig neue Unternehmenskultur.

Ein Artikel aus Die Presse, 19. 6. 2000


CANNES. Leendert Bikker, Chef der international tätigen Bikker Communication Group aus Holland und neuer Vorsitzender von GrowthPlus kennt die Regeln der digitalen Wirtschaft: "Die Zukunft gehört denen, die Erster werden wollen", sagte Bikkert beim GrowthPlus Kongress in Cannes. Doch solche Wachtumsziele seien - egal ob in der "New Economy" oder in der Güterproduktion der "Old Economy" - mit herkömmlichen Methoden nicht mehr zu erreichen. Bikker, der selbst eines der schnellstwachsenden Unternehmen Europas führt, sieht für schnellwachsende "Gazellen" vier Grundregeln: Hierarchien seien durch Netzwerke zu ersetzen, "Leadership" dürfe nicht dogmatisch gesehen werden sondern müsse durch Inspiration begründet sein; Status im Unternehmen dürfe nicht aus der Position oder dem Titel des Betreffenden kommen sondern von dessen "Performance"; und im Markt solle das Unternehmen Allianzen der Unabhängigkeit vorziehen. Jerome H. Mol, dessen Unternehmen "Gorilla Park" jungen Firmen Starthilfe und "Seed Financing" (Finanzierung in der allerersten Gründungsstufe) bietet, sieht das Personalmanagement ähnlich: "Wir reden bei der Anstellung gar nicht mehr über Funktionen, denn wir heuern nicht Funktionen, sondern Talent an." Dieses "Talent" wird aber auf dem europäischen Arbeitsmarkt immer knapper, meint Norbert Zimmermann, der Ende der achtziger Jahre per Management Buyout die damals marode staatliche Berndorf AG erworben und diese unterdessen zu einem der 500 schnellstwachsenden Unternehmen Europas gemacht hat. "Europa wird wegen der demographischen Entwicklung zum alten Kontinent, der Kampf zwischen den Firmen um gut ausgebildete junge Leute nimmt an Härte zu. Man muß den Managementstil ändern, um da mithalten zu können".
Anreize für Talente

Vor allem aber müßten Anreize in Form von Beteiligung am Unternehmenserfolg geboten werden: Wer keine Stock Options (also die Möglichkeit, in einem definierten Zeitraum Aktien des eigenen Unternemens zu einem vorher festgelegten Preis kaufen zu können) anzubieten habe, besitze schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt für Talente. Zimmermann führt mit der Berndorf-Gruppe zwar ein produzierendes Unternehmen der "Old Economy", ihm ist aber auch die New Economy nicht fremd: Seit zwei Jahren ist er als sogenannter "Business Angel" (das sind Personen, die junge Startup-Firmen finanzieren und ihnen auch Management Know how zur Verfügung stellen) bei insgesamt zehn Startup-Projekten engagiert. Seine Erfahrungen dabei: "Ich habe für meine eigene Gruppe eine Menge gelernt." Zumal ja die Alte und die Neue Ökonomie zunehmend zusammenwachsen, seit die Produktionsbetriebe Internet-Plattformen als hervorragendes Instrument zur Kostensenkung und Produktivitätssteigerung entdeckt haben. So haben etwa die großen US-Autokonzerne eine Beschaffungsplattform für Zulieferungen gegründet.
Beginn einer Revolution

Die bei solchen Plattform-Lösungen üblichen "Versteigerungen", die wegen der totalen Preistransparenz die Zulieferpreise dramatisch drücken, sieht Zimmermann aber auch als "gefährlichen Trend: Wir entwickeln Technologien normalerweise gemeinsam mit unseren industriellen Kunden. Und diese engen Beziehungen werden durch Versteigerungen doch empfindlich gestört." Trotzdem: Derzeit sei eine wirtschaftliche Revolution im Gange, gegen die man schwer ankämpfen könne. Und die Wirtschaft stehe erst am Beginn dieser Revolution, die sich noch stark intensivieren werde. Derartige Revolutionen gehen eben mit Änderungen im Verhalten und in der Unternehmenskultur einher. Das sei, sagt Mol, in Europa schon sehr schön auf den Arbeitsmärkten zu sehen: Es gebe unter den von den Unternehmen gejagten Talenten viel mehr Mobilität über die Grenzen hinweg als früher und die jungen Leute seien auch wesentlich risikofreudiger als früher und nicht mehr so stark auf die Einhaltung von 40 Stunden-Wochen fixiert. Ausgelöst werde dieses Verhalten freilich von den Möglichkeiten (etwa Stock Options), die die New Economy bietet. Womit sich für Jo Lernout von dem auf Sprachprodukte spezialisierten belgischen Softwarehaus Lernout & Hauspie der Kreis schließt: Egal ob Old oder New Economy, "man muß die Leute für das Mehr an Flexibilität belohnen und sie am Erfolg beteiligen".